Seespeck by 4791_Ernst Barlach

Seespeck by 4791_Ernst Barlach

Autor:4791_Ernst Barlach [4791_Ernst Barlach]
Die sprache: deu
Format: epub


Fünftes Kapitel

Dem Fischer Seespeck war das Liegen auf der Bärenhaut einer allgemeinen Getrostheit lieb und wert. Die Wedeler Geschäfte seines Bruders hatten aber die Eigenheit, ihm diese Bärenhaut zu verleiden. Er bekam schlaflose Nächte und ließ es sich sehr verdrießen, daß eine Jugend wie die ihre so schön gemeinsam, die zunehmenden Jahre aber so einsam und unersprießlich für den einzig-geliebten Bruder werden sollten. Indessen scheuchten ihn solche Gedanken nur zuweilen auf; als aber das redlich gepflegte Vermögen endlich doch verzehrt war, ließ er die Zeit für einen tüchtigen Schritt zugunsten seines Bruders sich erfüllen und erging sich mit seinem Nachbarn, dem alten Zimmermann, in einer halbstündigen Unterhaltung über alte und neue Dinge in dessen Leben. Nach kurzer und ausschöpfender Tätigkeit an diesem wahren Brunnen von Erfahrungen wußte er genug und berief seinen Bruder zu einer Zusammenkunft in Hamburg, zu einem tüchtigen Zungen- und Magenwerk, das sie bis tief in die Nacht wach erhielt und sie -- wie üblich bei den Seespecks -- wieder tief in die äußersten Jugendjahre heimlockte. Eigentlich hatte Fischer Seespeck dabei das Gefühl, daß etwas Wichtiges versäumt würde, aber schließlich meinte er, zu Anfang der Unterhaltung das Menschenmögliche an der Schmiedung neuer und vernünftiger Lebenspläne seines Bruders beigebracht zu haben. Sie gingen in vollem Sturm der Herzen und Lippen zu Bett, aber als Fischer Seespeck, wie befohlen, zu früher Bahnstunde geweckt wurde, fand er sich in so mißlicher Verfassung, daß er vorzog, ohne seinen Bruder zu wecken, leise das Zimmer zu verlassen. Er bezahlte die Kosten der Nacht und überraschte den Kellner mit einem außergewöhnlich hohen Trinkgeld, mit dessen Darreichung er als Erklärung die Bitte verband, man möge seinem »kleinen Bruder«, dem einmal etwas Menschliches geschehen sei und den er zum Ausschlafen ins trockene Bett gelegt hätte, ganz gewiß nichts merken lassen. So entzog er sich in diesem Hause, wo er bekannt war, einem geringen Übel von Nachrede und besorgte seinem Bruder, der nie wieder herkommen würde, als er zu später Stunde aufstand, einen etwas vertrackten Abgang, da er sich über die fatale Dienstzudringlichkeit des Personals nicht genug wundern konnte. ›Wie einen Heiligen bei Weggang aus einem Bordell, so verspotten sie mich mit ihren Komplimenten‹, dachte er. Und dann stand er auf der Straße.

Er folgte dem Rat seines Bruders und trat mit einer Gewehrfabrik in Verbindung, für die er im Lande hin und her Holz aufkaufte. Daneben machte er andre Geschäfte auf eigene Faust. Bei diesen Geschäften war er freilich meistens nicht derjenige, der sich ins Fäustchen lachen durfte, und ließ sich nicht selten durch das Drum und Dran der Dinge zu schlecht überlegten Händeln bestimmen. Wenn er sich aber zu Dingen hergab, so wußte er auch, wenn er wollte, eine gewisse Tüchtigkeit aufzubringen, und darum schlängelte er sich so leidlich durch einige Jahre hindurch, kaufte sein Eschenholz für die Gewehrkolben und diesen oder jenen kleinen Föhrenbestand für Kistenfabriken, manchen Schlag Nutzholz für Möbeltischler und Sägewerke. Seine Wohnung hatte er in einem Berliner Vorort, zwei Zimmer, dunkel und lang wie ein paar Särge, aber in diesem Doppelgrab



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